Familienleben: Zwischen Disziplin und Laissez-faire

Keine Familie kommt ohne feste Regeln aus. Gleichzeitig gilt es aber auch, die Disziplin nicht zu überstrapazieren. Die goldene Mitte ist der Schlüssel, der leicht zu finden ist

Familienleben ist oft chaotisch: Ein Kind weint, das andere schlägt Topfdeckel aneinander, Papa versucht gleichzeitig das Essen auf dem Herd zu bändigen, während Mama sich mit den Einkäufen abmüht – eine solche oder ähnliche Situation haben wohl schon viele Familien erlebt. Ihnen allen gemein ist, dass sie meist nur die Ausnahme darstellen, während dem Alltag durch Regeln und Rituale ein fester Rahmen gegeben wird. Doch wo liegt der Unterschied zwischen beidem? Und wo sollten Eltern die Grenze ziehen zwischen der Freiheit, die jedes Kind für seine Entwicklung benötigt und der Disziplin, die für ein harmonisches Zusammenleben aller Familienmitglieder unabdingbar ist? Dieser Artikel will einen Leitfaden für all diese Fragen darstellen.

Regeln und Rituale – Der Unterschied

Grundsätzlich ist eine Abgrenzung zwischen Regeln einerseits und Ritualen andererseits oft schwer, weil in vielen Familien nicht selten beides miteinander verschwimmt:

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  • Regeln sind eine von den Erziehungspersonen wissentlich festgelegte Maßnahme. Eine Regel kann unterschiedliche Ziele verfolgen, in Familien mit Kindern dient sie meist dazu, den Kids Richtlinien und Grenzen aufzuzeigen, an denen sie sich orientieren können. Etwa feste Schlafenszeiten oder die Maßgabe, dass abends zu einer bestimmten Uhrzeit alle Familienmitglieder sich zum Essen versammeln.
     
  • Rituale sind hingegen meist unbewusste Routinen, die sich über einen längeren Zeitraum etabliert haben. Etwa das gemeinsame Beten am Morgen oder das Singen eines bestimmten Liedes vor dem Zubettgehen.
     

Wie erwähnt können beide Formen natürlich auch miteinander kombiniert werden. Etwa dann, wenn eine Regel für das Kind vielleicht erst mal nur als eine Art „Diktat“ der Eltern angesehen wird. Beispielsweise bietet sich hier das klassische Belohnungsprinzip an: Im Sommer lautet die Regel, dass alle Kinder um sieben Uhr abends ihr Spiel im Garten beenden und sich in die Küche zum gemeinsamen Abendessen begeben. Zum Ritual kann es dann werden, das Kind, welches zuerst über die Türschwelle tritt, mit etwas zu belohnen. Etwa, dass es als erster in der Reihe einen vollen Teller bekommt. Aber: Auch wenn Regeln nicht in Beton gegossen sein sollten, empfiehlt die Psychologin Anette Kast-Zahn im Interview auch, Regeln nicht zu viel zu diskutieren.

Ohne Regeln geht es nicht – mit zu vielen aber auch nicht

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Autoritäre Erziehungsstile machen Kinder nicht nur unselbstständig, sondern erzeugen auch ein Klima der Angst.

In früheren Zeiten vertraten Eltern und Experten die Ansicht, dass es für Kinder nicht genügend Regeln und straffe Disziplin geben könne, um aus ihnen wertvolle Mitglieder der Gesellschaft zu formen. Für Kinder hatte das einige tiefgreifende Folgen. Sie reichen von übersteigerter Obrigkeitshörigkeit und Unselbstständigkeit bis hin zu geringer Kreativität und mangelndem Selbstvertrauen.

Das krasse Gegenteil davon stellten experimentelle Erziehungsmethoden wie Laissez-faire dar, bei dem die Kinder gar keine Regeln bekamen. Auch dies mit negativen Folgen: Kinder ohne ein festes Gerüst, an dem sie sich orientieren können, neigen dazu, sich im späteren Leben nicht den notwendigen Zwängen unterordnen zu können – was etwa im Beruf oft ein schwerer Nachteil ist.

Die moderne Erziehungswissenschaft vertritt daher den Standpunkt, dass eine optimale Erziehung dem Kind zwar feste Regeln gibt. Diese aber nicht mit drakonischen Strafen belegt sein sollen, sondern das Kind dazu anregen, sich selbst über Konsequenzen, über Aktion und Reaktion bewusst zu werden. Das soll dazu führen, dass Kinder einen moralischen Kompass entwickeln und später, auch ohne weitere Steuerung, frei aber dennoch nicht zügellos handeln. Das wiederum hilft dabei, sich selbst Regeln aufzuerlegen aber auch von außen bestimmte Vorgaben wie Gesetze oder Maßgaben am Arbeitsplatz akzeptieren zu können ohne dass es zu blindem Gehorsam kommt.

Regeln innerhalb der Familie

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Wichtig bei der Aufstellung von Familienregeln ist der Grundsatz, dass den Kindern zu verstehen gegeben wird, warum diese bestimmte Regel in Kraft tritt. „Weil wir es so sagen“ ist dabei die denkbar schlechteste Antwort, sie sorgt dafür, dass die Eltern als Diktator angesehen werden, der nach undurchschaubaren Grundsätzen und eigenem Gusto über Richtig und Falsch entscheidet. Sinnvoll kann es daher sein, Regeln im Kreise der gesamten Familie bekannt zu geben und dabei auch positive Entwicklungsschritte der Kids zu betonen und als Grundlage für die Regel zu kommunizieren. Dabei ist es hilfreich, wenn auf Konsequenzen eingegangen wird, die Nichtbefolgung bewirken könnte. Und zudem sollte, wie in diesem Artikel erklärt wird, auch nie einem Kind das bessere Befolgen von Regeln seiner Geschwister oder Klassenkameraden á la „der Jonas kann das viel toller als Du“ vorgehalten werden, denn das schafft nur unnötigen Leistungsdruck und Angst beim Kind, dass es nur geliebt wird, wenn es ebenfalls diese Leistungen vollbringt. Einige Beispiele:

  • Ihr seid jetzt alt genug, dass ihr eure Jacken selbst an- und ausziehen könnt. Das ist richtig toll. Damit endet aber auch die Zeit, in denen wir euch die Jacken am Haken aufhängten. Die neue Regel lautet daher: Wenn ihr ins Haus kommt, werft ihr eure Jacken nicht einfach auf den Boden, sondern hängt sie an den neuen Haken im Flur, den wir nur für euch befestigt haben. Das verhindert nämlich, dass einer darüber stolpert und sich weh tut“.
  • Ihr habt gelernt, wie ihr mit dem Telefon Opa und Oma selbst anrufen könnt und sie freuen sich sehr, wenn Ihr euch meldet. Allerdings hält der Akku des Telefons auch nicht ewig. Daher gilt die Regel: Wer zuletzt telefoniert hat, stellt das Gerät wieder in die Ladeschale. Und wer das Telefon auf dem Tisch herumliegen sieht, tut das ebenfalls, damit, wenn ein wichtiger Anruf kommt, der Akku immer ganz voll ist“.
  • Ihr könnt gerne ohne unsere Aufsicht mit dem Hund im Garten spielen, das macht euch und ihm viel Spaß. Aber wenn es draußen nass ist, muss der, der als erstes wieder an der Tür ist, die Pfoten des Hundes mit dem Handtuch abtrocknen, das neben der Terrassentür hängt. Bello würde sonst nämlich nicht nur Dreck ins Haus tragen und uns damit Arbeit machen, sondern könnte mit seinen nassen Pfoten auch auf den Fliesen ausrutschen und sich verletzen“.
     

In diesen Beispielen kommen die genannten Faktoren freilich optimal zur Geltung: Den Kindern wird nicht nur die Regel an sich verständlich gemacht, sondern auch die Folgen ihres Handelns dargelegt und gleichzeitig Lob ausgesprochen. Wichtig ist dabei, dass Eltern mit gutem Beispiel vorangehen, sodass Regeln für alle im Haus gelten. Das hilft wiederum den Kindern dabei, sich nicht den Eltern gegenüber benachteiligt zu fühlen.

Neutrale Konsequenzen

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Natürlich wird es vorkommen, dass Regeln nicht eingehalten werden – nobody’s perfect. Aber die Konsequenzen sollten immer der Tat angemessen sein und nie ins Drakonische ausufern, denn dies würde auch die sinnvollste Regel in ihrer Wirkung konterkarieren: Das im Beispiel genannte Telefon wurde nicht auf die Ladeschale gestellt? Dann können bei der Lieblingskonsole für die Ladezeit des Telefons Stecker oder Batterie entfernt werden – dort ist der Akku dann auch „leer“. Wichtig auch: Strafen sollten immer im Familienrahmen stattfinden und niemals in der Öffentlichkeit, denn dort können sie eine Demütigung für das Kind darstellen und somit den erzieherischen Gedanken vollkommen überlagern. Und auch wenn militärische Disziplin in einer Familie nichts zu suchen hat, existiert dennoch eine Ausnahme von dieser Regel: Ein Fehler wurde begangen, die Strafe wurde ausgesprochen und ist damit verbüßt. Demnach wird dieser Fehler, wie bei einem guten Offizier, nie wieder erwähnt – er ist vollständig getilgt. Gute Eltern halten Regelverstöße, die bereits geahndet wurden, kein weiteres Mal ihren Kids vor, denn das sorgt dafür, dass das Kind das Gefühl bekommt, dass die Strafe nicht den Abschluss eines Fehlverhaltens darstellt.

Rituale stärken Zusammenhalt

Während Regeln den Rahmen des familiären Lebens bestimmen, dienen Rituale auch laut „Zeit“ dazu, den Zusammenhalt zu stärken: Sie geben Kindern und Eltern ein „Wir-Gefühl“. Etwas, von dem sie sich als Familie von der Außenwelt abgrenzen und das gleichzeitig ebenfalls einen Beitrag zu geregelten Abläufen beiträgt. Rituale geben allen Kindern das Gefühl, von den Eltern zu gleichen Teilen geliebt zu werden. Dabei müssen Rituale durchaus nicht nur den Kids zugutekommen, sondern können auch dafür sorgen, dass Papa und Mama etwas Zeit für sich haben:

  • Opa-Ritual: An jedem Sonntag werden die Kids zu einer festen Zeit zu den Großeltern gebracht, wo Opa und Oma mit ihnen etwas besonders Begehrtes unternehmen (Spaziergang, Spiel mit Opas Modelleisenbahn, Backen mit Oma…). Papa und Mama können diese Zeit dann für sich nutzen.
     
  • Morgen-Ritual: Bevor die Kids das Haus verlassen, bekommen sie von den Eltern einen liebevollen Kuss auf eine eher ungewöhnliche Stelle (Nasenspitze, Ohr, Hände) und werden mit den immer gleichen Worten verabschiedet. Wer möchte, kann das auch in Form eines Kurzgebets tun.
     
  • Heimkomm-Ritual: Wenn Papa und Mama von der Arbeit kommen, wird jedes Kind in der Reihenfolge des Alters und mit festgelegter Wortwahl begrüßt.
     
  • Essens-Ritual: Nach dem gemeinsamen Abendessen darf jeder am Tisch reihum ein bisschen von seinem Tag erzählen. Das gibt auch den Kids Einblick in die ansonsten unbekannte Berufswelt der Eltern.
     

Solchen Ritualen kommt nicht nur in der klassischen Familienkonstellation eine große Rolle zu, sondern in verstärkter Form bei alternativen Modellen: Insbesondere bei Patchworkfamilien können solche festen Abläufe die bisher getrennten Lebensläufe verwischen und auch Stiefgeschwister zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenschweißen, die sich bei konsequenter Gleichbehandlung aller Kinder durch beide Elternteile durch nichts von einer klassischen Familie unterscheidet.


Bildquellen:
1) Robert Kneschke, 2) Monkey Business, 3) diego cervo, 4) candy1812, 5) Iryna Tiumentseva
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