Vier wunderliche Begebenheiten, die man nicht im Geschichtsunterricht lernt

Wussten Sie, dass es bereits vor unserer Zeitrechnung Geschenkpapier gab? Dass es damals sogar Hauptgegenstand eines Mordes war? Oder hätten Sie gedacht, dass der berühmte Graf Zeppelin lange vor seiner fliegenden Erfindung den Status eines Popstars hatte? Folgen Sie uns in die Welt der wunderlichen Geschichten.

Abschiedsbesuch von Obama, Politgezänk in Berlin, Mogeleien beim Spritverbrauch und selbst das Wetter ist gruselig. Zugegeben: Es gibt dieser Tage nicht wirklich viel Erbauliches zu lesen, wenn man ins Internet blickt. Aber: Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Und das ist auch wieder die Zeit, in der man es sich zuhause gemütlich macht. Mit einem Kakao auf dem Wohnzimmertisch und der Kuscheldecke über den Beinen. Und was würde dazu besser passen, als ein paar der schönsten, spannendsten und kuriosesten Auszüge aus der Geschichte? Dinge, die wahrscheinlich niemand im Geschichtsunterricht lernte und die oftmals nur Historikern bekannt sind. Die SAW-Redaktion hatte großen Spaß beim Zusammenstellen der folgenden Geschichten. Und wir hoffen, Sie auch.

1. Der schwimmende Reitergraf

Zeppelin – diesen Namen kennt heute praktisch jeder. Man verbindet ihn mit diesen majestätisch wirkenden Zigarren, die laut- und schwerelos durch die Lüfte gleiten. Zugegeben: Selbst wenn ein kleines Werbeluftschiff heute über eine Stadt im SAW-Land fliegt, gehen die Köpfe der Fußgänger wie an einer Schnur gezogen nach oben.

Heute kennt man Ferdinand von Zeppelin nur wegen seiner Luftschiffe – doch lange bevor diese flogen, war er in Deutschland als kühner Offizier weitläufig bekannt. 

Die Verbindung des Namens mit dem Luftschiff kommt nicht von ungefähr, denn seine Erfindung ist direkt auf einen Sohn des Bodensees zurückzuführen: Ferdinand Adolf Heinrich August Graf von Zeppelin, so sein vollständiger Name, gehörte zu einem uralten Adelsgeschlecht. Doch lange bevor der Württemberger sich an die Entwicklung von Luftschiffen begab, hielt er erst einmal eine alte Familientradition aufrecht und trat in die Armee ein.

Dort wurde er schnell zum Offizier. Und in dieser Position konnte er es sich leisten, Studienreisen durch die Welt zu unternehmen – auch in die USA, wo er 1863 nicht nur den blutigen Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten erlebte, sondern auch das erste Mal in einem Ballon mitfuhr – wahrscheinlich die Wurzel seiner fliegerischen Begeisterung.

 

A Star was born

Er kam gerade rechtzeitig zurück nach Deutschland, das damals noch aus diversen Fürstentümern und Einzelstaaten bestand, um den Ausbruch des Deutschen Krieges im Jahr 1866 zu erleben. Das Königreich Württemberg (wie auch das Königreich Sachsen) kämpfte im Deutschen Bund auf österreichischer Seite gegen die Preußen (für die unter anderem das Herzogtum Anhalt sowie drei weitere sächsische Fürstentümer fochten). Graf Zeppelin war damals Hauptmann im Generalstab, also für die Gefechtsplanung zuständig. Funk gab es damals noch nicht, Anweisungen wurden per Reiter weitergegeben.

Heutige Luftschiffe sind vergleichsweise winzig gegenüber ihren gigantischen Brüdern aus der Zeit vor 1937: Gerade einmal 75 Meter misst dieser Zeppelin NT – knapp die Hälfte des ersten Zeppelins.

Doch die waren leichtes Ziel und somit oft gerade dann nicht verfügbar, wenn es am nötigsten war. So auch während eines Gefechts bei Aschaffenburg. Graf von Zeppelin wollte den Truppen des Kurfürstentums Hessen, die auf der anderen Seite des Mains kämpften, eine wichtige Nachricht zukommen lassen – natürlich fand sich kein Reiter, der den Job übernehmen konnte.

So schwang sich der Graf in voller Gala-Uniform selbst erst aufs Pferd und dann in die Fluten des Mains – trotz Juli-Temperaturen kein wirklich angenehmes Unterfangen. Die deutsche Öffentlichkeit liebte solche Geschichten und erfuhr sehr schnell davon. Rasch war der „Tapfere schwimmende Hauptmann“ ein Begriff.  

Einige Jahre später, 1870, stand ein weiterer Krieg vor dem Ausbruch, der Deutsch-Französische. Graf Zeppelin war immer noch Militär – und nach wie vor ein Mann, der gerne selbst anpackte. Er griff sich einige andere Offiziere und ritt mit ihnen noch vor dem offiziellen Kriegsbeginn auf eine Aufklärungsmission durchs Elsass – und bekam so bei den Deutschen den Status eines fühzeitigen „Rockstars“.

Erst diese Popularität ermöglichte es ihm, Gelder zu sammeln und vor allem den deutschen Kaiser davon zu überzeugen, in die Entwicklung von lenkbaren Luftschiffen zu investieren. Der Mut und die Beharrlichkeit, die ihm im Krieg dienlich waren, halfen ihm auch, seine Vision gegen alle Widerstände (und diese waren enorm, weil kaum ein Militär jener Zeit vom Sinn der Luftschiffe überzeugt war) durchzusetzen. Er, der wegen seiner ständigen Luftschiff-Eingaben vom deutschen Kaiser Wilhelm II noch „Dümmster aller Süddeutschen“ genannt worden war, ist heute eine Legende.

2. Mord per Geschenk

Geschenke sind etwas wunderbares, über das man sich in aller Regel zumindest ein bisschen freut. Natürlich ist es heute Usus, damit vor allem aus guten Absichten heraus einen lieben Menschen zu erfreuen – aber dem war nicht immer so. Denn so, wie Geschenke Sympathien zeigen, können sie auch zum Überbringer der bösartigen Natur werden – so in China.

Heute packt man Geschenke freiwillig aus. In früheren Tagen war das Papier jedoch ein solcher Luxus, dass nur Herrscher ihn sich leisten konnten – da „musste“ man auspacken, ob man wollte oder nicht.

Dabei muss man zunächst einen Blick auf die Geschichte des Papiers werfen – denn diese begann eben im alten China, hunderte Jahre vor unserer Zeitrechnung: Als praktisch einzige Produzenten von Seide kamen die Chinesen auf die Idee, die Abfälle aus der Seidenproduktion zu verwenden um sie mit:

  • Hanffasern
  • Lumpen
  • Alten Fischernetzen
  • Baumrinde

und Wasser zu vermengen, zu stampfen und abzuschöpfen – also bis auf die Zutaten ganz ähnlich, wie auch unser heutiges Papier hergestellt wird. Besonders schön geratenes Papier färbten die Chinesen ein – und umwickelten damit Geschenke. Natürlich war diese Praxis, ob ihrer Kostspieligkeit, der Elite vorbehalten.
 

Ausschalten von Gegnern auf Chinesisch

Und das waren damals die Kaiser-Dynastien. Eine von ihnen war Kaiserin Wu Chao (625-705)  – die erste und einzige Frau, die auf dem Thron saß. Allerdings war Chao das, was man heute als „intrigant und machtbesessen“ bezeichnen würde:

  • Sie kam als Konkubine an den Hof des Kaisers Taizong
  • Als dieser starb, sollte sie in ein Kloster abgeschoben werden, weil sie kinderlos war
  • Der neue Kaiser Gaozong holte sie jedoch aus Liebe zurück (andere Quellen schreiben, dass des Kaisers Ehefrau sie zurückholte, um die Macht einer anderen Konkubine zu brechen)
  • Chao wurde schwanger – und erstickte ihr eigenes Kind, um den Mord der Gemahlin des Kaisers anzuhängen, was auch funktionierte
  • Das machte es ihr Möglich, näher an den Kaiser zu kommen – sie wurde seine Lieblingskonkubine
  • Sie wurde erneut schwanger und bezirzte den Kaiser so, dass er diesen Sohn zum Thronerben ernannte
  • Anschließend vergiftete sie den Kaiser über viele Jahre langsam und übernahm so nach und nach die Regierungsgeschäfte
  • Einige Jahre vor dem Tod des Kaisers ermordete sie dann auch ihren Sohn – der Weg auf den Thron war nun frei.
 

Und so, wie sie an die Macht gekommen war, herrschte Kaiserin Chao auch: Mit eiserner Hand und einer Geheimpolizei unterdrückte sie brutal jegliche Opposition. Bei einer besonderen Rivalin griff Chao jedoch zu ihrem Lieblingsmittel – dem Gift.

Im Gegensatz zu allen anderen Frauen, die auf den sogenannten Drachenthron wollten, regierte Wu Chao tatsächlich von der „verbotenen Stadt“ aus.

Und hier kommt das Geschenkpapier ins Spiel: Die Kaiserin ließ zwei giftige Kuchen herstellen und diese in rotes Seiden-Geschenkpapier wickeln – damals ob der Exklusivität ein Zeichen, dass das Präsent direkt vom Herrscher stammte, der Beschenkte konnte es also unmöglich ablehnen. Unter den Augen des kaiserlichen Boten musste Chaos Konkurrentin die Geschenke auspacken und den Inhalt verspeisen – wieder ein Gegner weniger.

Glücklicherweise waren das die einzigen bekannten Anwendungen von Geschenkpapier dieser Art. Allerdings: Bis auch außerhalb Chinas verpackt wurde, vergingen weitere gut tausend Jahre – bedrucktes Geschenkpapier, so wie wir es kennen, entstand erst in den Jahren nach Graf Zeppelins kühnem Aufklärungsritt.

3. Pirat im Auftrag ihrer Majestät

Wenn in Großbritannien heute irgendwo das Lied „Rule Britannia“ angestimmt wird, dann kann praktisch jeder den Text lauthals mitsingen – vor allem den Refrain: „Rule Britannia, Britannia rules the waves“ also das patriotische Feiern der britischen Vorherrschaft über die Wellen. In der Tat war Großbritannien über viele Jahrhunderte die unangefochtene Großmacht auf den Meeren, an der jeder Gegner zerschellte.

„Ihrem“ Drake halten die Briten und besonders die Bewohner Plymouths auch heute noch die Treue – nicht nur wegen seiner Tätigkeit als Pirat, sondern auch der Weltumrundung und weil er den Grundstein für die britische Seemacht legte.

Doch es gab eine Zeit, da war Britannien noch nicht so unbesiegbar auf den Weltmeeren vertreten. Es waren die 1540er Jahre. Zu dieser Zeit war Spanien auf dem Gipfel seiner Macht – vornehmlich, weil das Land zusammen mit Portugal gerade die „Neue Welt“ kolonisierte und aus Süd- und Mittelamerika unbeschreibliche Reichtümer nach Europa brachte.

Zu dieser Zeit wurde im englischen Crowdale ein Kind geboren: Francis Drake, so der Name, kam durch seinen Vater, der Pastor war, in den damals seltenen Genuss, Lesen und Schreiben zu lernen. Das gereichte ihm, um Schiffsjunge zu werden.

Damals hatten Spanien und Portugal auch das Monopol auf den Sklavenhandel von Afrika aus in seinen Kolonien. England wollte an diesem lukrativen Geschäft teilhaben, wurde aber von Spanien wegen dieser Versuche mit einem Embargo belegt. Mit einer großen Flotte konnten die Engländer nicht dagegen angehen. Aber mit der Nadelstich-Taktik.

So geschah es, dass die englische Königin Elisabeth Kapitänen ihres Landes sogenannte Kaperbriefe ausstellte. Diese ermächtigten die Seeleute, ganz legal spanische und portugiesische Schiffe aufzubringen – also praktisch staatlich sanktionierte Piraterie.
 

Die Spanier zu knechten…

1570 hatte Francis Drake bereits auf einigen Fahrten die Karibik gesehen und war diverse Male mit den Spaniern in Scharmützeln aneinandergeraten, jetzt aber hatte er ein eigenes Kommando, einen Kaperbrief und einen ziemlichen Rochus auf die Spanier. Er überquerte den Atlantik und lief das Städtchen Venta Cruces im heutigen Panama an. Damals liefen dort viele Wege für die Schätze aus Südamerika zusammen.

Mit seiner Crew ging Drake an Land und erbeutete von den überraschten und ziemlich wehrlosen Spaniern gigantische Mengen an Handelswaren. Davon ermutigt, folgten weitere Angriffe auf spanische Städte in diesem Gebiet, die Drake – gelinde gesagt – steinreich machten. Jetzt hörte man auch am spanischen Hof zum ersten mal von „El Draque“ und seinem privaten Rachefeldzug gegen König Philipp II.

Eigentlich sollte Drakes Flaggschiff, die Golden Hind im Original erhalten bleiben. Sie zerfiel jedoch im Lauf der 1600er. Heute findet sich in London jedoch ein 1:1 Nachbau.

Ein Jahr später lief Drake zu einer weiteren Kaperfahrt aus – diesmal mit mehr Schiffen und Truppen. Zusätzlich verbündete er sich mit dem englischen Freibeuter James Raunse. Zusammen versetzten sie die Spanier in Angst und Schrecken:

  • Als erstes plünderten sie Nombre de Dios, ein ähnlicher Knotenpunkt wie Venta Cruces, und erbeuteten mehrere Tonnen Silber
  • Er erbeutete zwei spanische Schiffe und errichtete dann einen befestigten Stützpunkt auf einer kleinen Insel
  • Dann blockierten die Freibeuter den Hafen von Cartagena und plünderten Schiffe, die durchbrechen wollten, konnten die Stadt selbst aber weder aushungern noch anderweitig zur Aufgabe zwingen.
  • Etwas entnervt zog Drake seine Flotte ab, ließ sie aber einige hundert Kilometer weiter wieder an Land gehen. Dort plünderten die Briten spanische Karawanen in Panama, die auf den Weg zu den Knotenpunkten waren


Als Francis Drake nach gut anderthalb Jahren mit einer vor lauter Gold und Silber tief im Wasser liegenden Flotte zurück in seine Heimat kam, wurde er von begeisterten Menschenmassen empfangen – auch er war nun ein gefeierter Held, „der die Spanier geknechtet hatte“. Allerdings herrschte politisches Tauwetter – Großbritannien wollte sich mit Spanien gutstellen und verbot daher weitere Kaperfahrten.

 

Das aber hielt den britischen Forschungsdrang nicht ab – man war überzeugt, dass es westlich der Neuen Welt noch einen Südkontinent, den „Terra Australis“ gab. Da eine solche Reise, weil sie um Südamerika herumführte, die Spanier erzürnt hätte, wollte die britische Krone einen erfahrenen Anführer – Drake. Er segelte 1577 mit einer Flotte los, umrundete die Südspitze Südamerikas und fuhr die Pazifikküste hinauf.

Hier kam wieder der Pirat in ihm durch, denn niemand rechnete hier mit feindlichen europäischen Schiffen. So kaperte Drake nicht nur spanische Galeonen en gros, sondern kam auch hinauf bis ins heutige San Francisco – wo er ein Fort errichtete und alle von Spanien und Portugal nicht besetzen Gebiete Amerikas als britischen Besitz deklarierte.

Er überquerte den Pazifik – als erster Europäer nach Ferdinand Magellan. Doch den Südkontinent fand er nicht, da sein Kurs in zu weit nördlich an den Philippinen vorbeiführte. Dafür aber war er, als er 1580 wieder im Hafen von Plymouth eintraf, der erste Weltumsegler, wurde zum Ritter geschlagen und Admiral der Krone.
 

4. Igitt, da ist ja Kohlensäure drin

Bald ist wieder Silvester und abermals werden im SAW-Land tausende Champagnerflaschen entkorkt – natürlich ganz EU-konform nur solche, die auch wirklich aus der Champagne stammen und nach der Champagner-Methode vergärt wurden, denn alles andere wäre ja Schaumwein.

Prickelnd, edel und etwas ganz Besonderes: Alles, was wir heute dem Champagner zuschreiben, war früher genau andersherum. Dass wir den Schaumwein heute lieben, liegt größtenteils an den Briten.

Getränk als das edelste vom Edelsten. Es gab aber eine Zeit, da hätte jeder Weinliebhaber angeekelt das Gesicht verzogen, wenn er auch nur ein kleines Kohlensäure-Perlchen im Rebsaft entdeckt hätte.

Die Römer waren sehr praktisch denkende Menschen: Bei der Ausbreitung ihres Weltreiches hatten sie entdeckt, dass das Kreidegestein der Champagne im heutigen Frankreich sich wegen seiner Eigenschaften ganz hervorragend dazu eignete, Weinreben anzupflanzen – das mit Abstand beliebteste Getränk der damaligen Welt. Und weil Kreidestein auch leicht abzubauen war und das Imperium Romanum sowieso auch das Weltreich der Baumeister war, gruben Roms Männer sich auch unter der Champagne durch – um Baumaterial für Häuser und Mauern zu bekommen. Oben Wein, unten tiefe Keller mit einer gleichbleibenden Temperatur – eine geniale Kombination, denn so konnten die Fässer voller Traubensaft ohne viel Fahrerei gleich an Ort und Stelle gelagert werden.
 

Der Winter ist schuld

Allerdings war die Temperatur in diesen Kellern doch nicht ganz so gleichmäßig: In besonders frostig Wintern sanken sie ebenfalls tief ab. Das konnte den ganzen Gärungsprozess lahmlegen. Im Frühling begann er dann erneut – der Wein wurde also unfreiwillig zweimal vergärt. Was heute als Méthode champenoise aufwändig zelebriert und überwacht wird, war damals ein schlichter Fehler in der Produktion, den man nicht beherrschen konnte.

Heute weiß man ganz genau, wie man die Temperaturen im Champagnerkeller auf optimalem Level hält. Zufällige Fröste mit entsprechendem Ausgang sind unmöglich.

Der auf diese Weise doppelt vergorene Wein wurde nicht nur trüb, was sämtliche Weinfreunde der damaligen Welt als ziemlich ekelhaft ansahen, weil Trübe ein Zeichen dafür war, dass auch die Traubenhaut mit im Fass gelandet war, es bildete sich auch noch Kohlensäure. Prickelnde Getränke sind heute zwar Gang und Gebe, damals waren sie aber weitestgehend unbekannt. Viele Leute fürchteten sich gar aus Aberglauben davor und alle waren sich einig, dass das Kitzeln auf der Zunge und im Rachen eher unangenehm war. 

Kurzgesagt: Was heute viel Geld kostet, sah man damals als Ausschussware an – ein schwerer Makel obendrein, weil Wein zwar bei allen beliebt war, gute Weine aber höheren Schichten vorbehalten waren – unter anderem, weil das Klima in jenen Jahren ein gutes Stück kühler war als heute und deshalb zwar viel Wein, aber wenig Qualitätswein produziert werden konnte.
 

Danke, liebe Mönche und Engländer

Als das weströmische Reich kollabierte, ging mit den großen gesellschaftlichen Verwerfungen jener Epoche auch immens viel Wissen verloren. Nicht nur medizinisches und philosophisches, sondern auch profanere Dinge – wie eben der Weinanbau. Selbst halbwegs guter Wein war in Zeiten der Völkerwanderung ein rares Gut – und das könnte auch das sein, was dem Champagner letztendlich das Überleben sicherte. In jener Zeit breitete sich nämlich auch das Christentum aus. Für das Abendmahl wurde Wein zwingend benötigt – bloß wollte der Klerus diese Zeremonie nicht mit irgendwelchen säuerlichen Panschgetränken begehen. Also oblag es den christlichen Mönchen, das Wissen um den Weinanbau zu bewahren und zu vertiefen.

Um das Jahr 950 begann das, was heutige Klimaforscher als „Mittelalterliche Warmzeit“ bezeichnen: In einigen Regionen der Erde, darunter Europa, stiegen die mittleren Temperaturen für rund 300 Jahre merklich an – das machte es möglich, Wein sehr viel umfangreicher anzubauen. Und auch das Konsumverhalten änderte sich:

  • Wo Wein angebaut wurde, war er Getränk sämtlicher Schichten
  • In anderen Regionen blieb er dem Klerus und der Herrscherklasse vorbehalten
  • Die Medizin entdeckte Wein als Heilmittel für alle möglichen Krankheiten
 

Eine echte Hochzeit des Weins, die dazu führte, dass altes Wissen um den Anbau neu erlernt wurde und viel Neues hinzukam – wobei sich die Ansichten über Qualität noch bis Mitte des 17. Jahrhunderts nicht wirklich ändern sollten: Auch im Mittelalter und der frühen Neuzeit galt noch die Maßgabe „Nur still ist was ich will“.

Bis Dom Pérignon den Champagnerkorken ersann, steckten normale zylindrische Korken in den Flaschen. Dadurch entwich die Kohlensäure entweder langsam, oder mit einem Schlag.

Einzig die Engländer hatten Geschmack am Prickeln gefunden. Das lag vor allem daran, dass England nur in der Warmzeit hatte selbst Wein anbauen können aber ansonsten sehr abhängig von Importen war – dennoch wollten die Inselbewohner auch nachdem sich das Klima wieder abgekühlt hatte, nicht vom Traubensaft lassen und nahmen deshalb notgedrungen auch das ab, was eigentlich als unverkäuflich galt: Den doppelt vergorenen, trüben und mit Kohlensäure versetzten Wein aus der Champagne.

Und hier kommt Dom Pérignon ins Spiel – den Namen kennt man heute als Gipfel der Champagnerkunst, von dem Flaschen für mehrere hundert oder tausend Euro den Besitzer wechseln. Damals war Dom Pérignon jedoch ein Mönch, genauer gesagt Kellermeister in der Benediktiner-Abtei Hautvillers in der Champagne. Und er war ein echter „Wein-Nerd“. Er züchtete seit 1668 Trauben und tüftelte immer an gleichmäßigeren Gärungsmethoden – dass sich jedoch immer mal wieder Kohlensäure bildete, konnte er aber auch nicht beeinflussen.

Louis XIV war ein Exzentriker. Das zeigt sich nicht nur an der prachtvollen Ausgestaltung von Versailles, für die er verantwortlich war, sondern auch seinem Hang zur Unangepasstheit – etwa, die Liebe zur „Ausschussware“ Champagner.

Doch Dom Pérignon kam der schräge Geschmack der Engländer zu Ohren: „Was, wenn man gezielt den Wein so gären würde?“ fragte er sich und hatte dabei schon ein Auge auf die so möglichen Profite auf der Insel geworfen. Da bekannt war, wie die Gärung gestoppt werden konnte, war es den Benediktinern ein Leichtes, dieses Verfahren gezielt zu manipulieren – unter anderem verwendeten sie auch als erste konisch geformte Korken, damit die Kohlensäure in der Flasche blieb und nicht langsam entwich. Und ebenfalls erstmalig nahm man dafür auch freiwillig die besten Trauben, die das Champagne-Anbaugebiet herzugeben hatte. Die Engländer liebten es – der Rest der Weintrinker nicht so.

Das änderte sich erst einige Jahre später: Der französische Sonnenkönig Louis XIV war damals als ausgesprochener Trendsetter bekannt. Was er für gut befand, wollten erst seine Höflinge und danach so schnell wie möglich auch niedere Stände nachmachen. Und Louis XIV liebte Champagner. Das machte die Champagne von einem Weinanbaugebiet unter vielen zu einem der renommiertesten der Welt – und erzürnte gleichsam die Region Burgund, die bis dahin als weltbeste Weinregion gegolten hatte. Und auch, wenn beide Regionen nun für rund 150 Jahre mit vielen Worten und einigen Fausthieben um die Vorherrschaft beim Wein fochten, änderte das den Weg des Champagners nicht: Er war bei Hofe angekommen und fand von dort seinen Weg in die Gläser von allen Schönen, Reichen und als Schaumwein auch in die Krüge der weniger Begüterten.


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