Die Grenzen der Wissensgesellschaft

Der Aberglaube unserer Zeit

A Wissen ist nicht alles

Im Jahr 1936 brachte ein Charlie Chaplin-Film den technischen Fortschritt der damaligen Gesellschaft mit einem einfachen Titel auf den Punkt: „Modern Times“ waren angebrochen und bedeuteten in der zunehmend automatisierten Industriegesellschaft den Konflikt zwischen Mensch und Maschine, den die stetig voranschreitende Entwicklung von Technik und Wissenschaft heraufbeschwor.

Die post-industrielle Gesellschaft hat diese Entwicklung so weit vorangetrieben, dass inzwischen alles erklärbar scheint – das Wissen reicht immer weiter und tiefer ins Detail, kein Geheimnis bleibt ungelüftet. So scheint es zumindest. Trotzdem stößt auch die Wissenschaft von Zeit zu Zeit an ihre (vorläufigen) Grenzen und jeder normale Bürger weiß ohnehin: Manches lässt sich selbst mit dem größten Wissensschatz nicht so einfach erklären, bleibt nebulös, mythisch, außerhalb des mit dem Verstand erfassbaren.

1. Von der Aufklärung zur Wissensgesellschaft

Der Rationalismus der Aufklärer

Dabei wurde bereits zum Ende des 17. Jahrhunderts, mit dem Heranbrechen des Zeitalters der Aufklärung, der Vorrang der menschlichen Vernunft postuliert. Rationales Denken und der Glaube an den technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritt sollten als Grundlage für eine aufgeklärte Gesellschaft dienen, frei von Fremdbestimmtheit, Vorurteilen und Aberglauben.

Die Denkweise der Aufklärer beeinflusste alle gesellschaftlichen Bereiche, von der Religion über die Wissenschaft bis zur Kunst und zur Politik. Nur so ließen sich die Voraussetzungen einer vernunftbasierten Gesellschaft schaffen. Das aufklärerische Fortschrittsstreben und der Hang zur Rationalisierung fanden in den entstehenden Industriegesellschaften ihre Fortführung. Das Ergebnis – ein hoher Grad an Technisierung der Produktion und der Arbeitsteilung – kann in den eingangs erwähnten „Modern Times“ in persiflierter Form betrachtet werden.

Dienstleistung statt Industrie


Mit dem ausklingenden 20. Jahrhundert fand ein neuerlicher Wandel hin zur Wissensgesellschaft statt. Wissen ist seither die neue Währung und die Grundlage des sozialen und wirtschaftlichen Zusammenlebens. Das Niveau der technischen Entwicklung hat in diesem Zug zu einer Umstrukturierung im Industriebereich gesorgt: Arbeitskraft ist nach wie vor wichtig, sie wird allerdings den Ansprüchen der Wissensgesellschaft angepasst und in den Dienstleistungssektor verlagert.

Die heutige industrielle Produktion, wie zum Beispiel die Autofertigung, verlangt eine Anpassung der Arbeitskraft.

Neben einem höheren durchschnittlichen Bildungsniveau sind die verstärkte Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen wie Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit gefragt,  genauso wie Spontaneität, Kreativität und Eigenverantwortlichkeit.

2. Technologischer Fortschritt und fortschreitender Aberglaube

In der Wissensgesellschaft kommt dem Wissen endlich der ihm von den Aufklärern des 18. Jahrhunderts zugedachte Stellenwert in der Gesellschaft zu, es wird regelrecht zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Gefüges. Informationen wurden niemals schneller verbreitet als im digitalen Zeitalter der Wissensgesellschaft und niemals war der Zugang zu ihnen einfacher.

Verbreitung von Wissen: Möglichkeiten und Gefahren

Das heißt dennoch nicht, dass diese Wissensgesellschaft mit der geforderten Vernunftgesellschaft gleichzusetzen ist, denn moderne Formen des Aberglaubens sind fast überall anzutreffen, wie Jürgen Kaube aufzeigt. Das ist paradox, denn Wissen sollte die Grundlage vernünftigen Handelns sein und Irrationalitäten wie den Aberglauben ausschließen.

Tatsächlich birgt gerade die für die heutige Zeit so charakteristische Geschwindigkeit und Reichweite der Verbreitung von Informationen ihre Gefahren. Das Internet hat zwar zur Demokratisierung der Kommunikation beigetragen. Aber durch die Veröffentlichung im Netz wird vieles als Wissen deklariert, was im Grunde nur Gerücht oder Meinung ist.

Daraus kann im besten Fall die von der Aufklärung gewollte kritische Öffentlichkeit entstehen – wenn sie auf fundiertem Wissen und Toleranz basiert. Das bedeutet eine Notwendigkeit zum Zulassen von Fehlern und Irrtümern und zugleich die Fähigkeit zur Differenzierung wischen Einzelfällen und deren Verallgemeinerung. Die richtige Verortung von Informationen im jeweiligen Kontext verlangt ihrerseits aber schon ein bestimmtes Grundwissen. Wenn es fehlt, kann die Lücke nur allzu leicht mit Spekulationen und Halbwissen gefüllt werden, die den Nährboden bilden für den Aberglauben unserer Zeit.

B Der alltägliche Wahnsinn


Unser Alltag ist trotz der rasanten Wissensverbreitung des Internetzeitalters nach wie vor durchzogen von den verschiedensten Arten abergläubischen Verhaltens. Das ist kein Grund zur Besorgnis, denn die daraus erwachsenden persönlichen Rituale können bei der Bewältigung des Alltags eine hilfreiche Rolle spielen.

Vierblättriges Kleeblatt und Hufeisen sind als klassische Glücksbringer immer noch beliebt.

1. Magisches Denken und Rituale

Das gilt vor allem für jene kleinen Unberechenbarkeiten in den alltäglichen Abläufen, die sich der Planbarkeit entziehen. Je größer dieser Anteil allerdings ist, desto wahrscheinlicher sind Gefühle der Unsicherheit oder sogar der Angst vor dem Verlust der Kontrolle. Unser Gehirn wirkt dem mit dem Versuch entgegen, die uns umgebende Welt durch das Finden von Mustern und Zusammenhängen wieder vorhersehbarer zu gestalten und das Gefühl der Sicherheit wiederherzustellen. Problematisch wird dieses „magische Denken“ jedoch, wenn solche kausalen Verknüpfungen zwischen zufällig aufgetretenen Ereignissen oder Taten hergestellt werden – das ist der Grundstein für Aberglauben.

Glücksbringer, Talismane, Schutzengel

Vor allem Sportler werden gerne als Beispiele für abergläubische Rituale aus dem Bereich des magischen Denkens herangezogen. Die Geschichten reichen in dieser Hinsicht von glücksbringenden Socken, die nicht gewechselt werden, bis hin zu einem immer wieder benutzten Teebeutel. Solcherlei Marotten werden gerne milde als Ausdruck einer gewissen Exzentrik belächelt, dabei ist die Verwendung von Glücksbringern nicht nur im Leistungssport weit verbreitet.

Quelle: © Statista 2015 (Auszug)

Der bevorstehende Jahreswechsel beispielsweise ist Grund genug, die unterschiedlichsten Glücksbringer an Familie und Freunde zu verschenken: Vierblättrige Kleeblätter, im Zweifelsfall aus Schokolade, Glücksschweine aus Marzipan oder Pfeifenputzer-Schornsteinfeger sollen das Glück im neuen Jahr garantieren und Schutzengel darüber hinaus für Sicherheit sorgen.

Und tatsächlich können derlei Talismane gerade in schwierigen Situationen helfen, den nötigen Glauben ihre Wirkung vorausgesetzt. Dieser Glaube an den Glücksbringer steigert, dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung gemäß, zugleich die Überzeugung von der eigenen Leistungsfähigkeit. Die gleiche Funktion hat die rituelle Wiederholung bestimmter Handlungen, die das Gefühl der Kontrolle in einer Stresssituation bestärken und ein erfolgreiches Meistern derselben bewirken können.

Zahlenmystik

Sogar Zahlen eignen sich als Glücksbringer und Talismane, auch wenn manchen eine negative Wirkung nachgesagt wird. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die 13, die sowohl als Glücks- wie auch als Unglückszahl gilt – letzteres in besonderem Maße in Kombination mit einem Freitag.

Von empirischer Seite ist keine Wirkung, egal in welcher Richtung, nachweisbar, aber der Glaube an die Macht der Zahlen hält sich trotzdem, vor allem bei Anhängern des Glücksspiels. Persönliche Glückszahlen vermitteln, den Zufall überwinden zu können, wohingegen andere, wie die 13, schon grundsätzlich Glück oder Unglück verheißen. Für chinesische Glücksspieler ergeben sich solche Zuordnungen auch aus der Sprache heraus: Das Wort für die Acht klingt dem Wort für „reich“ sehr ähnlich und bringt dementsprechend Glück. Umgekehrt bringt die Vier höchstwahrscheinlich Pech, weil der Klang des Wortes an das Wort für „Tod“ erinnert, so unter casinoverdiener.com nachzulesen.

2. Die Macht der Esoterik

Esoterik bedeutete ursprünglich eine Lehre oder einen spirituellen Erkenntnisweg, der auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten beschränkt war. Heutzutage findet der Begriff hauptsächlich Verwendung als Synonym für eine gewisse Weltfremdheit. Die abwertende Beurteilung speist sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass die Esoterik in vielen Bereichen zu einem Klischee verkommen ist. Hinzu kommt eine Kommerzialisierung, hinter der die ursprünglich angestrebte Erkenntnis aufgrund einer philosophischen Betrachtung der Welt immer weiter zurückzutreten scheint.

Sterndeutung und Horoskope


Dazu kommt die zweifelhafte mediale Präsenz einschlägiger Wahrsagerei-Sendern und Teleshopping-Kanäle mit allerlei ominösen Artikeln, die letzten Endes vorwiegend als Vorlage für die satirische Verballhornung und kaum mehr als Grundlage für eine ernstzunehmende philosophische Lehre dienen. Das stärkt die Vorbehalte Außenstehender gegenüber allem, was heutzutage unter Esoterik zusammengefasst wird.

Horoskope beschränken sich nicht allein auf die Weissagungen der Tageszeitung.

So sehen sich jene, die zum Beispiel die astrologische Horoskopdeutung mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betreiben, häufig mit den schon beschriebenen Klischeevorstellungen konfrontiert, wie das Beispiel eines Waldmünchener Astrologie-Kurses zeigt. Die Verbindung von Astrologie und Psychologie zur besseren Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit beinhaltet natürlich trotz allem einen großen Anteil an magischem Denken, aber das tun schließlich viele unserer alltäglichen Handlungen.

Geheimlehren und Mysterienkulte

Kaum anders verhält es sich mit jenen Bewegungen, die sich unter dem Sammelbegriff des Neuheidentums auf antike, keltische oder germanische Kulte berufen. Hier geht die Suche nach der spirituellen Verbindung von Mensch und Natur aber schon ins Religiöse. Die Verehrung von Naturgottheiten hat in Großbritannien sogar zu einer offiziellen Anerkennung des Neudruidentums als Religion geführt.

Das Berufen auf eine steinzeitliche Tradition der Druiden und Wicca kann dennoch kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Ursprünge dieser Bewegungen in der Neuzeit und deren Vorliebe für das Okkulte liegen. Das Erscheinungsbild der Neo-Druiden, das nicht selten an den Dorfdruiden Miraculix aus den Asterix-Comics erinnert, soll zum Beispiel auf einen Kupferstich des 17. Jahrhunderts zurückgehen. Hinzu kommt der Mangel an authentischen Schriftquellen aus der Zeit vor dem Mittelalter.

Das moderne Druidentum ist daher viel mehr ein Kind der britischen Romantik des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. Die Naturreligion der Wicca entstand sogar erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts und geht inhaltlich zurück auf okkulte Strömungen des 19. Jahrhunderts. Was den Anhängern heute als Grundlage ihrer spirituellen Selbst- und Naturerfahrung dient, kann daher kaum anders als eine teilweise individuell auslegbare romantische Verklärung mutmaßlich historischer Vorbilder erscheinen, als Ausdruck einer Sehnsucht nach einem Rest Mystik, der in der heutigen Zeit verloren gegangen ist.

C Die Wissenschaft vom Nichtwissen

Die Sehnsucht nach etwas Übersinnlichem und Unbekannten findet sich auch in den sogenannten Pseudowissenschaften, deren Anspruch zwar ein wissenschaftlicher ist, deren Lehre und Methodik aber im Widerspruch zur anerkannten Wissenschaftlichkeit stehen.

Kaum kritisierbare Dogmen, der Mangel an empirischen Befunden und die daraus resultierende unmögliche Überprüfbarkeit der Inhalte gelten aber grundsätzlich auch für den Bereich der Verschwörungstheorien. Beiden Phänomenen ist gemeinsam, dass ihre Aussagen häufig gar nicht auf faktischem Wissen beruhen.

1 Grenzwissenschaften

Auseinandersetzung mit dem Über-Bewussten: Parapsychologie

Entgegen den akademischen Grenzwissenschaften, bei denen sich anerkannte Wissenschaftsbereiche inhaltlich auf interdisziplinärer Basis berühren, suchen die Para- und Kryptowissenschaften nach Wissen, das jenseits der Erkenntnisansprüche der hergebrachten Wissenschaftlichkeit liegt.

So beschäftigt sich beispielsweise die Parawissenschaft schlechthin, die Parapsychologie, mit Fähigkeiten und Phänomenen, die das normale Erkenntnisvermögen nicht erfassen kann: Außersinnliche Wahrnehmung und Fernwahrnehmung, Psychokinese und Präkognition.

Vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert erlebten parapsychologische Phänomene, wie Séancen unter Leitung eines Mediums, eine Blütezeit.


Übersetzt bedeutet das, überspitzt formuliert, Geisterglauben, Hellseherei, Wünschelrutengehen und Gedankenlesen. Es geht um den berühmten sechsten Sinn und das zweite Gesicht, also Phänomene, von denen immer wieder Berichte durch die Medien gehen, deren tatsächliche Existenz aber mit Argwohn betrachtet wird – weil sich solche Erscheinungen oft genug als Betrug herausstellen.

Vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert erlebten parapsychologische Phänomene, wie Séancen unter Leitung eines Mediums, eine Blütezeit.

Selbst Laborexperimente auf einer scheinbar wissenschaftlichen Grundlage stoßen wegen ihres besonderen Forschungsgegenstandes schnell an die Grenzen der Wissenschaftlichkeit. Das liegt zum einen an der Flüchtigkeit der untersuchten Phänomene, deren Reproduzierbarkeit kaum machbar ist, was eine empirisch relevante Auswertung im Grunde ausschließt. Aber auch wenn Daten in ausreichender Menge vorliegen, bleibt die Rolle des Experimentators und dessen Interpretation der Befunde ein kritischer Faktor, wie ein Experiment des Psychologieprofessors Daryl Bem zeigt.

Expeditionen ins Fabeltierreich: Kryptozoologie

Im Gegensatz zur Parapsychologie könnten sich Kryptozoologen mit nachweisbar existierenden ‚Forschungsgegenständen‘ beschäftigen, immerhin liefern unübersichtliche Museumsbestände und unzugängliche Regionen zu Land und unter Wasser nach wie vor neue Tierarten zu Tage. Die Arbeit der Kryptozoologie dreht sich allerdings um die Entdeckung von Wesen aus dem Bereich der Mythologie oder die als ausgestorben gelten. Vor allem geht es um solche Großtiere, für die es außer Beschreibungen und gelegentlichen Fotos oder Zeichnungen keinerlei physischen Nachweis gibt.

Nachdem sich der Bigfoot als Erfindung eines amerikanischen Bauunternehmers herausgestellt hat, wird insbesondere die Suche nach dem Yeti und dem möglicherweise artverwandten Orang Pendek von Sumatra nicht allein mit der sprichwörtlichen wissenschaftlichen Akribie, sondern auch mit einer ganzen Reihe von Hilfsmitteln wie DNS-Untersuchungen betrieben. Die Auswertung vermeintlicher Nachweise leidet allerdings an den gleichen Problemen wie in der Parapsychologie: Zum einen sind Beweise ebenso rar wie zweifelhaft in ihrer Herkunft, zum anderen bleibt bei ihrer Interpretation viel Spielraum, bei der der Wunsch nach der Existenz vielfach sicherlich seinen Einfluss hat.

Vom Himmel hoch: UFO-Glaube

Der Glaube an UFOs und außerirdisches Leben ist tatsächlich ein Grenzfall, weil er in der hier gemeinten Form nur ein geringfügiger Bestandteil wissenschaftlicher Forschung ist, aber andererseits von Laien mit einer quasi-wissenschaftlichen Quellenanalyse von amtlichen Dokumenten betrieben wird. So wurden zu Beginn des Jahres rund 130.000 Seiten des UFO-Ermittlerteams der U.S. Airforce im Internet veröffentlicht.

Die Akten dokumentieren die mehr als umfangreiche Arbeit von mehr als zwei Jahrzehnten, allerdings ohne den erhofften Beweis für die Existenz von Außerirdischen. Damit sind die Theorien der UFO-Gläubigen jedoch keineswegs widerlegt: Die amerikanische Seite The Black Vault beispielsweise wertet daher eigenverantwortlich auch aktuellere Fälle mit mutmaßlicher Alien-Beteiligung aus. Die dort zu findenden Dokumente beweisen zwar ebenfalls keineswegs eine tatsächliche UFO-Sichtung – aber sie können anhand des Materials eben auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

2. Verschwörungstheorien

Das „allsehende Auge“ auf US-Banknoten wird häufig immer noch als Beleg für eine Herrschaft der Illuminaten im Geheimen angeführt.

Ein Grenzfall sind die Ufologen auch deshalb, weil sie aufgrund ihres ausgeprägten Misstrauens gegen Regierung, Bundesbehörden und Militär im Prinzip zu gleichen Teilen den Verschwörungstheoretikern zugerechnet werden müssen. Die Vermutung weltumspannender geheimer Machenschaften ist ein internationales Phänomen und hat zum Beispiel in Deutschland unlängst die Bezeichnung „Lügenpresse“ in unmäßiger Weise bekannt gemacht. Denn selbstverständlich sind die Medien genauso in die kleinen wie auch großen Verschwörungen involviert wie die Regierungen und die Wirtschaft, ganz zu schweigen von allen erdenklichen Geheimbünden.

Geheimgesellschaften: Freimaurer und Illuminaten

Für Verschwörungstheoretiker ist daher das gerne scherzhaft verwendete „Und was haben eigentlich die Illuminaten damit zu tun?“ alles andere als das, denn ihnen wie auch den Freimaurerlogen wird ein beträchtlicher politischer und wirtschaftlicher Einfluss nachgesagt. Tatsächlich gehörten diesen Gesellschaften zeitweise rang- und namhafte Persönlichkeiten an, aber die Vermutung eines weltenlenkenden Bundes rechtfertigt diese Tatsache bei weitem nicht.

Im Fall der Illuminaten, zu deren zweifelhaftem Ruhm auch die Romane von Dan Brown beigetragen haben dürften, muss eine solche Vermutung schon wegen ihres kurzen Bestehens umso abwegiger erscheinen. Von der Gründung bis zum Verbot vergingen kaum zehn Jahre. Selbst die Beteiligung schon damals bekannter und hochrangiger Persönlichkeiten wie Knigge, Goethe, Herder und Schiller, durch die auch die Verbindung zu den Freimaurern hergestellt wurde, bietet dahingehend keinen ausreichenden Verdacht.

Hinzu kommt eine gewisse Ironie: Beiden Gesellschaften ging es zu allererst um die Werte der Aufklärung, deren Verinnerlichung und praktische Umsetzung den Mitgliedern nahegebracht werden sollte und die bei vielen Verschwörungstheorien doch so offenkundig fehlen. Insofern bleibt zu hoffen, dass die Arbeit der mittlerweile wieder 470 deutschen Freimaurerlogen doch irgendwann Früchte trägt und zur gesellschaftlichen Vernunft beitragen kann.

Geheime Wirtschaftsmacht: Bilderberg

Dazu wählen die Freimaurer immer mehr den Weg der Öffentlichkeit, der zum Zweck der Selbst-Entzauberung auch für die Teilnehmer der sogenannten Bilderberg-Konferenzen, um die sich mindestens ebenso weitreichende Verschwörungstheorien ranken, hilfreich sein könnte.

Vor allem die fehlende Transparenz der alljährlichen Treffen von Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Kultur bietet Kritikern natürlich eine Angriffsfläche und öffnet wilden Spekulationen die Tür. So bleiben die Protokolle der informellen Zusammenkünfte nach wie vor unter Verschluss, was auch dem weitgehend privaten Charakter zuzuschreiben sein dürfte. Interessierte können aber immerhin über den Internetauftritt der Bilderberg-Konferenz Einsicht in die Teilnehmerlisten und die besprochenen Themen nehmen, wenngleich das schlimmstenfalls nur als weiterer Beleg für die Theorie von der geheimen Weltregierung herhalten muss.

Geheimnisvolle Vorgänge: Von Chemtrails bis Terrorismus

Die Liste der Verschwörungstheorien ließe sich hier nahezu beliebig fortführen. Der freie Zugang zu Informationen hat die Skepsis gegenüber den Medien vielfach nur vergrößert, weil die Orientierung in einer immer komplexeren Welt zunehmend schwerer fällt. Selbst völlig unbegründete Theorien können dann Anklang finden, wenn die von ihnen gelieferten Antworten nur einfach genug erscheinen. Der demokratisierte Kommunikationsprozess des digitalen Zeitalters potenziert zusätzlich deren Verbreitung.

Was im Sinne der Aufklärung zu einer vernunftorientierten Gesellschaft führen sollte, verfällt jedoch ins Gegenteil, wenn die verbreiteten Informationen gar nicht auf faktischem Wissen beruhen. Dann reicht schon ein kleines Verdachtsmoment für die Konstruktion einer globalen Verschwörung.

Vermeintlich giftige Kondensstreifen, sogenannte Chemtrails, geben oftmals Anlass für Verschwörungstheorien.

Ein Beispiel: Besorgte Aktivisten weltweit vermuten hinter ungewöhnlichen Kondensstreifenformationen am Himmel, den Chemtrails, die Verbreitung giftiger Chemikalien, mit deren Hilfe wahlweise das Wetter manipuliert, die Erderwärmung verlangsamt oder die Überwachung der Bevölkerung vorangetrieben werden soll. Handfeste Belege gibt es dafür indes nicht, denn auf die Einholung eigener Untersuchungsergebnisse hat die sonst gut vernetzte Chemtrail-Bewegung bislang verzichtet. Unabhängige Prüfungen des Chemiegehalts der Atmosphäre wiederum werden, dem Prinzip des verstärkten Dogmas folgend, als Bestandteil der Verschwörung abgetan.

Verschwörungstheorien sind auch ein beliebter Erklärungsansatz, wenn es um terroristische Anschläge geht, insbesondere bei der Identifizierung der potenziellen Hintermänner. Spätestens seit dem 11. September 2001 gehören bei jedem weiteren Terrorakt die amerikanische Regierung wenigstens zum erweiterten Kreis der Verdächtigen, aber auch internationale Geheimdienste eigenen sich als mutmaßliche Täter oder zumindest Drahtzieher.

Derlei Theorien begründen allerdings selten auf Fakten, daher wird die mediale Berichterstattung solange im gewünschten Kontext umgedeutet, bis ihr angebliche Beweiskraft für die eigenen Vermutungen zukommt. Sogar die öffentlichen Trauer- und Solidaritätsbekundungen, wie jene nach dem Angriff auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ können in diesem Sinn noch Anlass für Spekulationen und überzogene Medienkritik sein.

D Glaube nicht alles!

Das Ideal der Aufklärer, die sich eine Gesellschaft unter der Prämisse der Vernunft erhofften, ist aufgrund dieser Qualität kaum zu erreichen. Das ist in manchen Bereichen sicherlich hinnehmbar. Kleine, vom Aberglauben geprägte Rituale hat schließlich jeder und wenn sich der Glaube an Glücksbringer oder Energiearmbänder tatsächlich positiv auf Befinden und Leistung auswirken – warum nicht?

Wenn es um die Deutung des tagtäglichen gesellschaftlichen Geschehens geht, wäre eine Annäherung an das aufklärerische Ideal aber mindestens wünschenswert. Denn ein Missverhältnis von Wissen und Vernunft führt zu einem Missverständnis der Welt und der Ereignisse. So amüsant manche Verschwörungstheorie wegen ihrer Absurdität manchmal auch sein mag, so verstörend ist der Zynismus mancher scheinbaren Enthüllungen: Hinter den fiktiven Konstruktionen der Weltverschwörungen stehen immerhin reale Ereignisse mit realen Opfern.

Schon 1784 forderte Immanuel Kant von seinen Mitmenschen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Die von Immanuel Kant zum Leitspruch erhobene Devise „Sapere aude“ hat daher auch in unserer Zeit nichts von ihrer Gültigkeit verloren – nichts scheint für die Bewältigung der heutigen Informationsflut wichtiger, als den eigenen Verstand einzusetzen. Denn obwohl Wissen offenkundig nicht alles ist, so bleibt es doch die Basis für eine kritische und vernünftige Auseinandersetzung mit unserer modernen Zeit.


Abbildungen

Abbildung 1: fotolia.com © Dieter Pregizer; Abbildung 2: fotolia.com © salman2; Abbildung 3: fotolia.com © Sonja Calovini; Abbildung 4: shutterstock.com © vladm; Abbildung 5: fotolia.com © Erica Guilane-Nachez; Abbildung 6: shutterstock.com ©  Everett Collection; Abbildung 7: pixabay.com © TBIT (CC0 Public Domain); Abbildung 8: pixabay.com © Timbertopper (CC0 Public Domain); Abbildung 9: fotolia.com © nickolae



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